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  • Vom Geflüchteten zum Geschäftspartner: Die Integrationsgeschichte von Farhad Azizi in Hildesheim

    Integrationsgeschichten Dezember 11, 2025

    Vom Geflüchteten zum Geschäftspartner: Die Integrationsgeschichte von Farhad Azizi in Hildesheim

    Im Jahr 2015 kommt der junge Iraner Farhad Azizi nach Deutschland – als Geflüchteter, wie viele andere auch. In seinem Gepäck: ein paar Kleidungsstücke und die Erinnerung an eine kleine Fliesenwerkstatt im Iran, in der er schon als Kind seinem Onkel zur Hand ging. Was er damals nicht ahnt: Genau diese frühe Erfahrung im Fliesenhandwerk wird Jahre später der Schlüssel zu einer neuen beruflichen Zukunft in Hildesheim.

    Zunächst lebt Farhad bei einer Gastfamilie, die ihn bei den ersten Schritten begleitet: Behördengänge, Sprachkurse, Orientierung im neuen Alltag. Er steht am Anfang seiner Zwanziger, lernt Deutsch und versucht zu verstehen, welche Chancen ihm dieses Land tatsächlich bietet. Die entscheidende Frage lautet: Wird er hier dauerhaft nur als „Geflüchteter“ gesehen – oder gelingt der Weg zurück in seinen Beruf?

    Über seine Gastfamilie lernt er den Handwerksbetrieb von Dirk Neumann kennen, spezialisiert auf Fliesenarbeiten und Sanitärinstallationen. Man einigt sich auf ein vierwöchiges Praktikum, um zu prüfen, ob der junge Mann aus dem Iran in das Team und in den Betriebsalltag passt.

    Schon im Praktikum zeigt sich: Farhad ist kein Anfänger. Die Arbeit mit Fliesen hat ihn seit der Kindheit geprägt. Er kennt unterschiedliche Materialien, kann genau messen und hat ein gutes Auge für Formen und Farben. In einem seiner ersten Projekte verlegt er einen Fliesenspiegel für die Badausstellung des Betriebs. Das Ergebnis überzeugt – und bleibt bis heute in der Ausstellung sichtbar.

    Was ihm fehlt, ist die Fachsprache. Das Alltagsdeutsch lernt er in der Schule und in Integrationskursen, aber Begriffe aus dem Handwerk, Gespräche mit Kunden und Absprachen mit anderen Gewerken sind noch neu. Farhad beschreibt später, dass er „die Hälfte der Sprache im Kurs und die andere Hälfte in der Werkstatt gelernt“ habe. Mit seiner offenen Art und der Bereitschaft nachzufragen, wenn er etwas nicht versteht, gewinnt er schnell die Sympathie vieler Kunden.

    Aus dem Praktikum wird 2017 ein regulärer Ausbildungsvertrag: Farhad beginnt eine dreijährige Ausbildung zum Fliesen-, Platten- und Mosaikleger. Auch für den Betrieb ist das ein neuer Schritt, denn zuvor wurden vor allem Anlagenmechaniker im SHK-Bereich ausgebildet. Die Ausbildung von Farhad übernimmt ein angestellter Geselle mit Ausbildereignung.

    Die Jahre der Ausbildung sind anstrengend:
    Tagsüber Baustellen und Werkstatt, abends Berufsschule und Deutschlernen, dazwischen Papierkram und die üblichen Hürden im Aufenthalts- und Alltagsleben. Trotzdem zeigt die Entwicklung nach oben: gute Rückmeldungen aus der Berufsschule, verlässliche Arbeit im Betrieb, steigendes Vertrauen im Team.

    Schließlich legt Farhad seine Gesellenprüfung ab – mit einer guten Note. Aus dem Geflüchteten ist ein anerkannter Facharbeiter im deutschen Handwerk geworden.

    Doch hier endet die Geschichte nicht. Betriebsinhaber Dirk Neumann hat längst erkannt, dass Farhad mehr ist als „nur“ ein weiterer Mitarbeiter. Er denkt darüber nach, wie er den Fliesenbereich langfristig entwickeln kann, wer Verantwortung übernehmen und den Betrieb in Zukunft mitgestalten soll. Die Antwort findet er in dem jungen Mann, der einige Jahre zuvor mit einem Praktikum begonnen hatte.

    Unterstützt vom Projekt IHAFA (Integrationsprojekt Handwerkliche Ausbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber) informiert sich Farhad über den nächsten Schritt: die Meisterausbildung im Fliesenlegerhandwerk. Die Meisterschule ist in Deutschland weit mehr als eine Fortbildung – sie eröffnet die Möglichkeit, selbst auszubilden, einen Betrieb zu führen und stärker unternehmerische Verantwortung zu tragen.

    Die Perspektive ist klar formuliert: Nach der Meisterschule soll Farhad als Partner in den Betrieb einsteigen und den Fliesenbereich federführend übernehmen. Integration bedeutet hier nicht nur „Job gefunden“, sondern Teilhabe auf Augenhöhe – von der Werkbank bis in die betriebliche Entscheidungsstruktur.

    Die Geschichte von Farhad Azizi zeigt, wie Integration im Handwerk gelingen kann, wenn mehrere Ebenen zusammenspielen:

    • eine Gastfamilie, die Türen öffnet,
    • ein Betrieb, der bereit ist, Verantwortung zu teilen,
    • Förderprojekte, die Übergänge begleiten,
    • und ein junger Mann, der bereit ist, Zeit, Kraft und Geduld zu investieren.

    So wird aus einem Geflüchteten, der 2015 ohne ein Wort Deutsch nach Deutschland kam, ein zukünftiger Meister und Geschäftspartner in einem etablierten Handwerksbetrieb. Eine Erfolgsgeschichte – aber vor allem ein Beispiel dafür, wie viel in Bewegung kommen kann, wenn Menschen sich gegenseitig mehr zutrauen als nur Etiketten wie „Flüchtling“ oder „Fachkraft“.